Express Watchblog
19. April 2007, 15:51 Uhr von Jörn Wagner
Eigentlich schade, dass es für den EXPRESS, Kölns Gegenstück zur BILD-Zeitung, kein ExpressBlog gibt, wie das BILDblog – welches ich abonniert habe und regelmäßig besuche.
Denn in der heutigen Ausgabe mit der reißerischen Schlagzeile “Hartz-IV-Empfänger verhungert” gibt es einen Artikel auf der ersten Seite, der mir sofort ins Auge gesprungen ist. Eindeutig redaktionell verpackt und nicht als Werbung gekennzeichnet findet sich dort direkt unterhalb der Falz, rechts neben der barbusigen Frau, eine Anzeige für die Direktbank ING-DiBA. In diesem als Artikel getarnten Werbeblock (Überschrift: “Wir verschenken Milliarden”) wird behauptet, dass wir Deutschen “jährlich Milliarden von Euro in Form von Guthabenzinsen” verschenken, “so die Bank ING-DiBA”. Weiter heißt es: “Grund: Wir lagern unser Geld auf den falschen Konten.”
Ich kann mir schon vorstellen, was in den Augen der ING-DiBA ein “richtiges” Konto ist: Das Extra-Konto (Achtung: Werbe-Link!). Grundsätzlich bin ich ein Fan der DiBA, habe dort selbst ein Extra-Konto und bin von diesem sehr überzeugt. Habe ich auch schon Kollegen weiterempfohlen. Es gibt schließlich wirklich keinen Grund, sein Geld auf dem Girokonto mit 0,5-1% Zinsen zu lassen, wenn man kostenlos dafür 3% (aktueller Stand, Zinssatz variabel) haben kann. Aber dann nicht so plump in einer als redaktionell getarnten Anzeige!
1, 2, Hartz IV
Nun aber zum Grund dieses Impulskaufs, der Schlagzeile. Erstens war ich sehr enttäuscht, dass diese Bombennachricht dann doch nur circa ein Viertel von Seite 6 einnahm und zweitens finde ich diese Meldung keine Schlagzeile wert. Damit wird doch nur die Hysterie der Leute geschürt und ihre Wut auf die angeblich so schlimmen Zustände beim ALG II angefacht. Wenn man sich den Artikel durchliest, stellt man fest: “Selber schuld.” Auch wenn das jetzt vielleicht zynisch klingt, weil die alleinerziehende Mutter neben dem verstorbenen 20-jährigen lernbehinderten Sonderschüler auch noch eine behinderte Tochter zu versorgen hat, aber wer “seit Oktober 2006 schrittweise die finanzielle Unterstützung (621 €/Monat plus Miete) entzogen” bekommt, wird doch zuerst beim Amt Einspruch einlegen, oder? Schließlich folgte die Kürzung weil Termine für Arbeitsangebote versäumt wurden.
“Der einzige Hilferuf der Mutter kam, als Markus P. schon tot war”, so der EXPRESS. Es wurde nur noch die Miete überwiesen und daher hatte die Familie kein Geld mehr für Lebensmittel. Aber nein, bestimmt wird es wieder einige geben (insbesondere “Betroffene”), die die Schuld für den Tod und ihre eigenen Probleme bei den achso schlimmen Gesetzen, Behörden und überhaupt der ganzen restlichen Welt suchen.
Mehr zu diesem Thema im nächsten Beitrag.

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